Alexander Krauß: “Jedes Schicksal ist anders”

CDU-CSU

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich möchte gern mit Fakten beginnen: Wie groß ist die Gruppe eigentlich, über die wir jetzt sprechen?

(Zuruf des Abg. Norbert Müller [Potsdam] [DIE LINKE])

Seit einigen Jahren, seit 2016, ist es ja möglich, dass in der Geburtsstatistik erfasst wird, wenn es nicht deutlich wird: Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Dann wird in der Geburtsurkunde „divers“ eingetragen. Insofern kann man die Zahlen ganz gut auch bei den Statistischen Landesämtern oder beim Statistischen Bundesamt erfragen. Wir hatten 2016 10 Geburten in dieser Kategorie gehabt, also nicht pro Tag oder pro Monat, sondern im ganzen Jahr 10 – bei knapp 800 000 Geborenen. Wir hatten 2017 17 Geburten, wir hatten 2018 15 Geburten, wir hatten 2019 11 Geburten, bei denen das Kriterium „divers“ eingetragen wurde. Das ist die ganz saubere Statistik des Statistischen Bundesamtes, die Sie nachlesen können.

(Norbert Müller [Potsdam] [DIE LINKE]: Aber die ist falsch! – Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: 2016 gab es „divers“ noch gar nicht!)

Das heißt, wir n über 0,003 Prozent aller Geburten.

(Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber nur diejenigen, die es eintragen lassen!)

Was man in der Statistik auch nachlesen kann, das ist etwas Trauriges:

(Norbert Müller [Potsdam] [DIE LINKE]: Genau de voll am Thema vorbei!)

Von diesen 53 lebend Geborenen in diesen vier Jahren, von denen ich jetzt de gesprochen habe, sind 9 im Säuglingsalter gestorben. Das sind also sehr schwierige Schicksale, über die wir hier n – zum Glück Einzelfälle. Und zum Glück betrifft es nur wenige Kinder, die diese vielen Operationen – wenn man das einmal zusammenrechnet, sind es ja meistens über 20 Operationen – über sich ergehen lassen müssen.

(Anke Domscheit-Berg [DIE LINKE]: 2 000!)

Dennoch haben diese Kinder unsere volle Achtung und unsere volle Hilfe verdient.

Jedes Schicksal ist anders. Die Bundesärztekammer verweist in ihrer Stellungnahme richtig darauf – ich zitiere –,

dass es medizinisch-wissenschaftlich betrachtet nicht „die Intersexualität“ gibt, sondern eine erhebliche Bandbreite an Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung mit sehr unterschiedlichem Behandlungsbedarf.

(Mechthild Rawert [SPD]: „Störungen“ is nich!)

Ich finde, wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Vorstellung, dass keine Operationen das Beste sei, ist nicht meine. Es kommt darauf an, was das Beste für das Kind ist. Das kann eine Operation sein; es muss keine Operation sein.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vom Refenentwurf zum Gesetzentwurf gab es aus meiner Sicht deutliche Verbesserungen. Ich denke an die interdisziplinäre Kommission, die dazugekommen ist. Das ist sehr gut und macht mich zuversichtlich, dass das Gesetz weiter verbessert werden kann. In den weiteren Beratungen sollte, finde ich, die Expertise der Bundesärztekammer und der medizinischen Fachgesellschaften weiter genutzt werden. Es t sich um ganz wichtige Hinweise, die uns von dort gegeben werden. Und ich kann nur die Anregung meines Kollegen Lehrieder unterstützen, dass man auch sehr stark den Austausch mit den Eltern suchen muss; denn die Eltern sind die geborenen Anwälte der Kinder und wollen das Beste für ihr Kind. Deswegen kann man das sehr gut mit den Eltern zusammen machen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zurufe der Abg. Mechthild Rawert [SPD] und Marianne Schieder [SPD])

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Grünen haben den Antrag „Entschädigungsfonds für trans- und intergeschlechtliche Menschen“ gestellt. Der Grundgedanke bzw. die Grundphilosophie, die dahintersteht, ist nicht meine; das will ich ganz deutlich sagen. Ich persönlich halte nichts davon, dass man sich selbst aussuchen kann, ob man Mann, Frau oder jemand anderes sein möchte.

(Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Meine Güte! Das kann die nicht schöner sagen! – Norbert Müller [Potsdam] [DIE LINKE]: Wer soll das denn dann aussuchen? – Marianne Schieder [SPD]: Aus welcher Mottenkiste habt ihr denn den ausgegraben?)

Wenn Sie hier wie auch bei Gesetzentwürfen von Ihnen vorschlagen, dass jeder 14-jährige pubertierende Jugendliche selbst entscheiden soll, ob er Junge oder Mädchen ist, ohne dass seine Eltern mitn dürfen, dann halte ich das für einen absurden Vorschlag.

(Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Verfassungsgericht ist sehr viel weiter als Sie! – Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das entspricht nicht meiner Vorstellung. Das teile ich nicht.

(Mechthild Rawert [SPD]: Wer soll es denn entscheiden?)

Wir sind als Mann und Frau geschaffen. Das kann man sich nicht aussuchen. Das ist vorgegeben. Ich finde im Übrigen auch, dass das gut so ist. Insofern werde ich dem Antrag, den Sie gestellt haben, nicht zustimmen.

(Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Verfassungsgerichtsurteile!)

Vielen herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Auch Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

(Beifall bei der sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Sven Lehmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die klatscht mehr als die eigene !)