Europa hält inne – Notre-Dame in Paris teilweise niedergebrannt – Woher kam das Feuer?

War der Brand wirklich ein Unfall? In Frankreich werden durchschnittlich pro Tag zwei Kirchen geschändet.

 _von Sven Reuth

 Die Kathedrale Notre-Dame de Paris, die auf der Île de la Cité (Stadtinsel) in der Seine im Herzen der französischen Hauptstadt steht, ist ein einmaliges Monument abendländischer Baukunst. 855 Jahre lang blieb die Kirche unversehrt – das kommt einem Wunder nahe, denn in der Zeit vor der Erfindung des Blitzableiters überlebten große Bauwerke selten einmal länger als fünf Generationen.

Am gestrigen 15. April brannten jedoch große Teile der Kirche nieder, nachdem kurz vor 19 Uhr ein Feuer im Dachstuhl des Gotteshauses ausgebrochen war. Der 96 Meter hohe Mittelturm der Kirche stürzte ein. Etwas Erleichterung machte sich erst kurz vor Mitternacht breit, als die Feuerwehr meldete, dass es voraussichtlich gelingen werde, die Fassade, die Doppeltürme und die Grundstruktur der Kirche zu bewahren. Schon zuvor hatten Feuerwehrleute unter Lebensgefahr den Kirchenschatz geborgen, darunter die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.

„Das ist unser 11. September“

Der französische Präsident Emmanuel Macron kündigte noch in der letzten Nacht den Wiederaufbau der Kirche an, die französische Unternehmerfamilie Pinault erklärte sich bereit, für diesen Zweck 100 Millionen Euro bereitzustellen.

Frankreich rätselt derzeit über die Brandursachen. Nach bisherigen Erkenntnissen griffen die Flammen von Baugerüsten, die am Kirchendach angebracht waren, um Sanierungsarbeiten vorzunehmen, auf das Gotteshaus über. Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile bestätigt, noch in der Nacht mit Vernehmungen der Bauarbeiter begonnen zu haben.

Mit den bisherigen Verlautbarungen nicht zufrieden geben wollte sich der französische Kommunalpolitiker Philippe Karsenty, Stadtrat von Neuilly, der gestern Abend gegenüber dem US-amerikanischen Sender „Fox News“ äußerte: „Auch wenn niemand ums Leben gekommen ist, ist das für uns wie der 11. September. Es ist zutiefst schockierend. Sie müssen wissen, dass in Frankreich wöchentlich Kirchen zerstört werden. Natürlich wird man uns politisch korrekt glauben lassen, dass der Brand von Notre-Dame bloß ein Unfall war.“ An dieser Stelle wurde Karsenty vom „Fox News“-Moderator Shepard Smith unterbrochen, der den Kommunalpolitiker bat, keine Spekulationen über die Brandursachen anzustellen.

COMPACT-Geschichtskonferenz 2019

Der britische Bestsellerautor Ken Follett, der sich intensiv mit der Kunst des Kathedralenbaus beschäftigt hat, äußerte in einem Interview mit dem Sender BBC World, dass es für ihn schwer vorstellbar sei, dass ein kleiner Funke ein solches Großfeuer ausgelöst haben könnte. „Unfall oder Brandstiftung? Ursache des Feuers bislang ungeklärt“, stellte auch die französische Tageszeitung „La Dépêche du Midi“ noch am Abend des 15. April auf ihrer Internetseite fest.

Kirchenschändungen sind traurige Normalität

In Frankreich werden nach übereinstimmenden Zahlen des Innenministeriums und der Katholischen Bischofskonferenz durchschnittlich zwei Kirchen pro Tag geschändet. Gerade in letzter Zeit häuften sich spektakuläre Fälle:

  • Am 17. März brannte die Kirche Saint-Sulpice im sechsten Pariser Arrondissement aus. Polizei und die Feuerwehr konnten mittlerweile zweifelsfrei feststellen, dass ein Brandstiftungsdelikt vorliegt. Es wurden zahlreiche Menschen in Lebensgefahr gebracht, da zum Zeitpunkt des Brandes ein Orgelkonzert in der Kirche stattfand, nur das schnelle Eingreifen der Feuerwehr verhinderte Schlimmeres. Laurent Wauquiez, der Parteivorsitzende der konservativen „Républicains“ äußerte nach dem Attentat: „Wir haben es mit einer weiteren antichristlichen Ausschreitung zu tun, die inakzeptabel ist und von einer nur erschreckend geringen Medienberichterstattung begleitet wird. Alleine im Januar gab es 66 Anschläge auf Kirchen.“
  • Mitte Januar dieses Jahres brannte die Kirche Saint-Jacques in Grenoble völlig aus, es mussten mehr als 100 Menschen aus den umliegenden Häusern evakuiert werden. Eine linksanarchistische Gruppe namens „Des courts-circuits“ („Kurzschlüsse“) bekannte sich zu der Tat, die Echtheit des Bekennerschreibens konnte von der Polizei noch nicht bestätigt werden.
  • Im Juli vergangenen Jahres wurde die Kirche Saint-Pierre du Martroi in der Innenstadt von Orléans ein Raub der Flammen, die Täter hatten auf einer Mauer die Botschaft „Allahu akbar“ hinterlassen.

Diese Fälle zeigen, wie bedroht die Kirchen und Christen Frankreichs mittlerweile sind. Die französische Öffentlichkeit wird den Fortgang der Ermittlungen zu den Brandursachen der Kathedrale Notre-Dame jedenfalls mit Argusaugen verfolgen.