Matthias Matussek Merkel, Mao und die jungen Klima-Garden – Deutschland-KURIER

Matthias Matussek

Wie unsere Kanzlerin diese jugendlichen Weltenretter um Greta Thunberg anfeuert, das ist schon ein Schauspiel erster Güte. Ich muss ein halbes Jahrhundert zurückschauen, um mich an eine Jugendbewegung zu erinnern, deren Proteste derart synchron waren mit der Politik der herrschenden Klasse.

Nicht nur weit zurück, sondern auch weit weg. Nach China.

Ich war 17, als ich mich ausgerechnet im biederen Stuttgart nach einem Flirt mit den Beton-Kommunisten des KAB/ML den Maoisten anschloss.

In Maos China war die Kulturrevolution ausgerufen worden, und wir schwangen ein kleines rotes Büchlein, das die Mao-Bibel genannt wurde und vor banalen Weisheiten wimmelte. Beispiel: »Ein Revolutionär bewegt sich in der Masse wie ein Fisch im Wasser.«

Was mich und viele andere Jugendliche, die wir für die Weltrevolution stritten, also für das Ideal einer ausbeutungsfreien und gerechten Gesellschaft auch im biederen Stuttgart, was uns also für Mao einnahm, war die kühne Unterstellung, er knüpfe das Heil der Welt an unsere Generation. Die der Pubertierenden.

Unsere Lektüre war Edgar Snows »Roter Stern über China«, eine Hagiografie über Mao Tse Tungs Anfangsjahre durch einen westlichen Journalisten. Nichts wussten wir tatsächlich über Mao. Weder über seine Massenmorde noch über seine verheerenden Irrtümer wie »den großen Sprung nach vorn«, mit dem er sein agrarisches Volk dazu verdonnerte, innerhalb von drei Jahren die Stahlproduktion und damit den Anschluss an die Moderne von Großbritannien zu überholen.

Die Forderungen der jungen Klima-Garden sind nicht minder radikal und ihr Zeitplan nicht minder ehrgeizig als die des »Großen Vorsitzenden«. Sie wollen den sofortigen Ausstieg aus der Kohle, die Abschaffung von Verbrennungsmotoren und Strafgebühren für Langstreckenflüge und viele weitere Sanktionen.

Maos ad-hoc-Programm war streng. Hunderttausende kleiner Bulleröfen wurden aufgestellt, in die Tag und Nacht alles verfeuert wurde, was brennbar war, auch Möbel, auch Bücher. Allerdings hatte der große Führer und Dörfler nicht gewusst, dass Stahl einen Schmelzpunkt von 1.500 bis 1.700 Grad Celsius hat, der mit den Hausöfen einfach nicht zu erreichen war, obwohl auch die sicher klassenbewusst waren.

Zusätzlich wurde die Zwangskollektivierung vorangetrieben, in der Zwischenzeit verödeten die Felder, Überschwemmungen und Dürre taten ihr Übriges, um schließlich bis zu 45 Millionen Menschen in den Hungertod zu treiben.
Jugendliche huldigen ihrem Idol in China 1969: Propagandaplakat der Kommunistischen Partei
Maos späte und strenge Kinder von heute würden mit ihrem Programm in den wirtschaftlichen Kollaps führen und vor allem die armen Länder und bei uns die Ärmsten treffen. Das scheint sie nicht anzufechten.

Sicher, zur Hungersnot wird das in unseren Ländern der untergehenden Sonne nicht führen, aber auch die urbane Intelligenz, die man sich als richtungsweisendes geistiges Politbüro vorstellen mag, wird auf manche Annehmlichkeit verzichten müssen.

Zum Beispiel auf Erkundungsflüge, wie sie die Bundestagsvizepräsidentin der Grünen Claudia Roth mit zwei weiteren parlamentarischen Freunden im Februar unternommen hat. Die Route führte über Bangladesh (Elend!) und das australische Brisbane (Zwischenstopp) in die bedrohten Urlaubsparadiese der Fidschi-Inseln (Korallenriffe), um sich persönlich ein Bild davon zu machen, wie flach die Inseln auf dem Meeresspiegel liegen (Klima!) – und das schon, bevor die sommerlich gelaunte runde Claudia ins Wasser stieg.

Allerdings, und das ist jetzt reine Wissenschaft, ist auch die Plattentektonik für das Ansteigen des Meeresspiegels in diesen Gegenden verantwortlich, lässt sich also nicht unbedingt auf den CO2-Anstieg zurückführen.

Apropos: ›Bild‹-Kollege Ralf Schuler errechnete eine reichlich verheerende Öko-Bilanz, pro Person einen Anteil von 17 Tonnen. Zum Vergleich: Ein Mittelklassewagen stößt pro Jahr (12.000 km Strecke) nur 2 Tonnen aus. Doch es gibt ja Ablassmöglichkeiten in dieser Religion. Der Grünen-Politiker Dieter Janecek regte jüngst an, dass Normalbürger ab dem vierten Langstreckenflug einen Strafzuschlag zahlen sollen.

Greta Thunbergs Credo übrigens und das der mit ihr protestierenden Jugendscharen, die »Fridays for Future« die Schule schwänzen, ist simpel und war bereits von unserer Generation erprobt: Die Elterngeneration hat es verbockt. Nun müsst ihr büßen.

Sie treffen dabei, wie wir damals, auf Schuldbewusstsein und Wiedergutmachungswillen. Die Kanzlerin erlaubt das Schwänzen, viele Lehrer machen mit, statt einfach einmal freitags vormittags den Pennälern vorzurechnen, dass selbst bei einem sofortigen Ende der Emissionen in Deutschland der CO2-Anteil der Atmosphäre lediglich um 0,037999972% zurückgehen würde, also in einem in Grad-Celsius nicht abbildbaren Bereich.
Jugendliche huldigen ihrem Idol in Deutschland 2019: Greta Thunberg spricht zu Anhängern in Berlin
Zu diesem Punkt ist ein weltweiter Kulturkampf ausgebrochen, mit düstersten Prophezeiungen und einer üppig ausgestatteten Konferenz- und Beraterindustrie, der nur noch ideologisch (statt wissenschaftlich) geführt wird. Greta, junge Apokalyptikerin aus Schweden, gibt dem Planeten noch zwölf Jahre. Allerdings differieren die Angaben – die ›Bild‹-Zeitung rechnete, gestützt auf einen »Geheimbericht«, mit 13 Jahren bis zum Untergang der Menschheit. Aber das war schon am 22. Februar 2007.

Also Kulturkampf, und daher noch einmal zurück nach China. Nach seinem Fehlschlag mit dem »Großen Sprung nach vorn« fiel dem großen Führer, der intern unter Beschuss geraten war, die »Kulturrevolution« ein, mit der er »kleinbürgerliche« und »konterrevolutionäre« Einstellungen im Volk und in den Parteikadern bekämpfen wollte, in erste Linie aber, um die Rivalen in Partei und Staatsapparat kaltzustellen.

Er stützte sich auf die leicht mobilisierbare Jugend, ja, plötzlich war es meine Generation, die, wenn auch im biederen Stuttgart, die Weltrevolution zu verteidigen hatte.

Welche Aufwertung! Natürlich waren wir jugendliche Galgenvögel, die sich den revolutionären Schneid durch das repressive System der Schulpflicht nicht abkaufen ließen, wir stritten für Ideale; ach, hätten wir doch nur eine Angela Merkel auf unserer Seite gehabt, aber die kämpfte gleichzeitig (und gleichaltrig) im anderen Deutschland, ebenfalls für den Kommunismus.

Sicher mussten wir auch teilweise Härte zeigen, etwa wenn wir unseren leeren WG-Kühlschrank mit Konfiszierungen in den umliegenden Delikatessläden der konterrevolutionären Kleinkapitalisten auffüllen mussten – wo gehobelt wird, fallen eben Späne.

Das Schicksal der Erde (ihre endliche Befreiung vom Joch der kapitalistischen Ausbeutung) war in unsere jungen Hände gelegt! Beziehungsweise zunächst in die unserer chinesischen Altersgenossen, die der »Roten Garden«, von denen wir persönlich keinen einzigen kannten, aber wir hatten schließlich die ›Peking-Rundschau‹ abonniert.

Hätten wir sie gekannt, wäre es uns eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Sie bestanden aus widerlichen Denunzianten und aufgepeitschten jugendlichen Mobs. Eine Aktivistin an der Pekinger Uni hatte per Wandzeitung (nach Absprache mit Mao) die Führungspersonen des akademischen Betriebs des Revisionismus beschuldigt.

Mao sprach nach Ausrufung der Kulturrevolution auf dem Tienanmen-Platz zu rund einer Million rabatzsüchtiger Jugendlicher die magischen Worte: »Zu rebellieren ist gerechtfertigt.« Das ließen die sich nicht zweimal sagen. Sie knüppelten die als »Klassenfeinde« oder »Kleinbürger« designierten Erwachsenen, meist Lehrer und bisherige Autoritätspersonen, einfach tot.

Nun möchte ich Angela Merkel, die die Kinder für das edle Ziel der Rettung des Planeten zum Schulschwänzen auffordert, weiß Gott nicht mit dem Massenmörder Mao Tse Tung vergleichen – bis vielleicht auf die Frisur oder die Hosenanzüge oder das bisschen Personenkult (»Sie kennen mich«) oder die an Pekingopern erinnernde Propaganda (»Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben«) – aber sie spannt die Kinder durchaus kaltblütig für eigene Ziele ein.
Schule schwänzen für das edle Ziel der »Klimarettung« – mit dem Segen der Obrigkeit
Unter denen ist, neben der Rettung des Planeten, auch ein naheliegendes, politisch-ideologisches, nämlich abzulenken von ihrer und ihrer Regierung Untätigkeit auf so ziemlich allen brennenden Politikfeldern (Innere Sicherheit, Infrastruktur, Integrationsmängel der eingeladenen Migranten, Digitalausbau, Wohnungsmangel, eine kaum bezahlbare »Energiewende«, welche die Strompreise mittlerweile verdoppelt hat).

Schon lang bedient sich auch diese Regierung einer Art Kulturrevolution, in der »rückständige« oder »reaktionäre« Elemente (Stichworte: Klimaleugner, Rechtspopulisten, »Nazis«) zur Verfemung freigegeben und politische Kader (Maaßen) ausgewechselt werden, alles unter Beifall der blasierten publizistischen Kollegen, nennen wir sie bK.

Die die Nase rümpften und witzelten, als ich mich, wie es im Londoner Hydepark täglich passiert, (Tradition: Redefreiheit) auf eine Bierkiste stellte und den Rücktritt der großen Vorsitzenden forderte. Manche der bK haben mich dafür einen »politischen Wirrkopf« genannt (›Spiegel‹) oder als Humorfrage im Weihnachtsrätsel belächelt (›Zeit‹).

Unterschlagen haben all diese bK, dass während meiner Bierkistenrede in einer Nebenstraße rund 3.000 sogenannte »Antifaschisten« nur mit einem Großaufgebot der Hamburger Polizei, Hundertschaften und Wasserwerfern, daran gehindert werden konnten, über uns 185 Demonstranten herzufallen.

Einen hatte es später doch erwischt, er wurde krankenhausreif getreten. Die stellvertretende grüne Bürgermeisterin bedankte sich tags darauf für den mutigen Einsatz dieser gepiercten und über zahlreiche »Initiativen« subventionierten Treter gegen den aufkommenden Faschismus.

Auch das übrigens eine sich aufdrängende Analogie – die sogenannte »Antifa« spielt längst die Rolle der Roten Garden, sie denunzieren und fühlen einen hehren Auftrag dazu, sie prügeln, sie sabotieren Auftritte der parlamentarischen Opposition, alles mehr oder weniger geduldet.

Das kann sehr weit gehen: Als ich zu meinem 65.Geburtstag »alte und neue Freunde« einlud, neben vielen Kollegen, Schriftstellern, meinen Brüdern, auch einen der berüchtigten Identitären, der sich einst gegen einen Überfall der »Antifa« gewehrt und dafür verurteilt wurde, ein feiner Kerl, mit dem ich durch Syrien gereist war, weil er im christlichen (und vom IS zerstörten) Maalula eine Zahnklinik mit aufbauen half – als er nun auf einem ›Facebook‹-Foto erkannt wurde, wie er bei mir am Büfett stand, liefen die bK zu Höchstform auf.

Der Komiker Böhmermann stellte eine großspurige Anfrage an die ›Spiegel‹-Chefredaktion, die diese mit der peinlich-gebetsmühlenartigen, aber in diesen kulturrevolutionären Zeiten wohl erzwungenen Beteuerung beantwortete, dass sie sich trotz Teilnahme einiger ihrer Redakteure an meinem Geburtstag von rechtsextremen Ansichten distanziere.

Ex-Außenminister Sigmar Gabriel kritisierte via ›Focus‹, die ›Bild‹ titelte »Vorbestrafter Rechtsextremer auf Matusseks Geburtstag« und ›Zeit-online‹ witzelte: »Passen Sie am Wochenende auf, dass sie nicht auf einen Nazi-Geburtstag geraten.«

Mein Abend begann mit einem »Vater unser« auf Aramäisch durch unseren syrischen Caterer, es wurden russische Liebeslieder gesungen und deutsche, Erika Steinbach tanzte Cha-Cha-Cha mit Alexander Wendt, »Buddy« Reinhold Beckmann spielte auf, der tolle protestantische Theologe und Kabarettist Sebastian Moll gab Kostproben, viele andere sprachen, sie tranken und aßen, alle verstanden sich, es war eines der schönsten Feste meines Lebens.

Leider bekamen es anschließend Beckmann und der andere Buddy mit der Angst zu tun und sie distanzierten sich mit schlotternden Knien, die Angst vor karrierevernichtenden politischen »Fehltritten« in Deutschland ist enorm angewachsen, das kann in Zeiten der chinesischen Kulturrevolution nicht anders gewesen sein.

Tatsächlich merkwürdige Zeiten: Gleichzeitig rasende visionäre Maßlosigkeit und praktischer Stillstand. Und natürlich Kampf gegen rechts. Welche Unverfrorenheit der Regierungsparteien, der Vertreterin der größten parlamentarischen Oppositionspartei, der AfD, den ihr nach Brauch zustehenden Posten der Bundestagsvizepräsidentin zu verweigern.

Nein, das ist nicht Maos China, um Gottes Willen. Unsere Kanzlerin hält sich an das Grundgesetz. Beziehungsweise: »Für die Bundesregierung kann ich sagen, dass wir Recht und Gesetz einhalten wollen werden und da, wo immer das notwendig ist, auch tun.«

Kurz: Ausnahmezeiten, kulturrevolutionäre Zeiten, die es wie selbstverständlich dulden, dass die bereits erwähnte andere Bundestagsvizepräsidentin, Claudia Roth, einst hinter einem Plakat herlief, auf dem stand »Deutschland, du mieses Stück Scheiße.«

Aber sie rettet den Planeten mit Fernreisen und kümmert sich wenig um den drohenden Kollaps eines anderen Klimas, nämlich des politischen in diesen Zeiten. Die übrigens eines mit Maos »Großem Sprung nach vorne« teilen – die Verachtung für wissenschaftliche Untermauerungen.

Dennoch halten selbst unsere Kirchen an dieser neuen Zivil-Religion fest. Ja, sie geben ihr die höheren, die allerhöchsten Weihen.

Zum Beginn der Karwoche, also am Palmsonntag, entblödete sich der Berliner Weihbischof Heiner Koch nicht, Greta Thunberg, das schwedische Mädchen mit dem Aspergersyndrom, mit Jesus zu vergleichen.

Wenn er richtig liegt, so ein Spötter im Netz, wird sie binnen einer Woche ans Kreuz geschlagen – das hat das arme Kind nun wirklich nicht verdient!

Aber im Ernst, deutsche Amtskirche, hast du noch alle theologischen Latten am Zaun? Fragt dein ratloser katholischer Kirchgänger Matthias Matussek.

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

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