Indien und Pakistan: Angst vor dem nuklearen Armageddon

Nach einem Terroranschlag mit 46 toten indischen Soldaten eskalieren die Spannungen zwischen Indien und Pakistan. Am vergangenen Montag erfolgte der gleichermaßen erwartete wie befürchtete indische Gegenschlag.

_von Sven Reuth

Kampfjets der Luftstreitkräfte drangen in den pakistanischen Luftraum ein und bombardierten Ziele in der Nähe der Gebirgsstadt Balakot. Dabei sollen nach Angaben aus Neu-Delhi 300 „Terroristen, Trainer, Oberkommandeure und Gruppen von Dschihadisten“ getötet worden sein. Die Luftangriffe hätten weitere, von pakistanischen Stellen geplante Selbstmordanschläge gegen indische Einrichtungen verhindert und das „größte Trainingslager“ der islamistischen Terrororganisation Jaish-e Mohammed (Mohammeds Armee, JeM) in Pakistan zerstört.

Terrorunterstützungsvorwürfe gegen Pakistan

Die Attacke kam nicht überraschend. Knapp zwei Wochen zuvor waren 46 indische Armeeangehörige bei einem Selbstmordanschlag ums Leben gekommen, zu dem sich die JeM bekannt hatte. Deren Anführer Masood Azhar hält sich in Pakistan auf und ist auf dem indischen Subkontinent Staatsfeind Nummer eins. Er gilt als der Drahtzieher des Anschlags auf das indische Bundesparlament in Neu-Delhi, das am 13. Dezember 2001 insgesamt 14 Menschenleben forderte. Die wiederholten Bemühungen der indischen Regierung, ihn vom UN-Sicherheitsrat zum Terroristen erklären zu lassen, scheiterten am Widerstand Chinas, das in Pakistan einen der wichtigsten Verbündeten für sein Seidenstraßenprojekt sieht.

In Islamabad wiederum wies der pakistanische Ministerpräsident Imran Khan, ein ehemaliger Star der heimischen Cricket-Nationalmannschaft, pauschal alle Vorwürfe zurück. Sein Land dulde keine terroristischen Aktivitäten auf seinem Boden. Die pakistanische Armee meldete mittlerweile den Abschuss zweier indischer Kampfjets sowie die Festnahme eines Piloten. Die indische Luftwaffe hingegen wollte bloß den Absturz einer ihrer Maschinen im indischen Teil Kaschmirs bestätigen, wobei es sich um einen Hubschrauber handeln soll.

Die Vorwürfe, die aus Neu-Delhi gegenüber der Regierung in Islamabad derzeit erhoben werden, sind alles andere als neu. Pakistan wird schon lange – und nicht nur von Indien – beschuldigt, ein doppeltes Spiel zu treiben und den islamistischen Terrorismus offiziell zu bekämpfen und unter der Hand nach Kräften zu fördern. Zuletzt war im August 2017 dem US-Präsidenten Donald Trump der Kragen geplatzt, als er in seiner damaligen Rede an die Nation die pakistanische Regierung aufgefordert hatte, nicht mehr länger „Agenten des Chaos, der Gewalt und des Terrors“ Unterschlupf zu bieten.

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Im deutschen Fernsehen erreichte der Agententhriller „Saat des Terrors“ im vergangenen Herbst ein Millionenpublikum. In dem nach wahren Geschehnissen gedrehten Spielfilm kommt die fiktive BND-Agentin Jana Wagner – damals gespielt von Christiane Paul – einer islamistischen Terrorzelle auf die Spur, die sowohl von westlichen als auch vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt wird. Ihr gelingt es allerdings nicht, das Massaker zu verhindern, bei dem am 26. November 2008 in Bombay (Mumbai) mindestens 174 Menschen an zehn unterschiedlichen Schauplätzen getötet wurden. Das Attentat diente später als Vorbild für die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015, bei denen 130 Menschen getötet wurden.

Apokalyptische Ängste

Der Hintergrund für den derzeit eskalierenden indisch-pakistanischen Konflikt bilden allerdings nicht nur die Terrorvorwürfe gegen Islamabad, sondern auch der Kaschmirkonflikt, der seit der Gründung der Staaten Indien und Pakistan im Jahr 1947 ungelöst ist. Es geht um territoriale Ansprüche auf den im äußersten Nordwesten Indiens im Himalaya gelegenen ehemaligen indischen Fürstenstaat Jammu und Kaschmir, der auch von Pakistan wegen der dort lebenden muslimischen Minderheit beansprucht wird. Der Konflikt führte seit dem Jahr 1947 schon zu drei Kriegen zwischen Indien und Pakistan. Die letzte dieser Auseinandersetzungen, der Kargil-Krieg, führte im Frühsommer 1999 zu heftigen Kämpfen in einem auf über 5000 Metern Höhe gelegenen Hochgebirgsterrain und endete mit der Zurückdrängung der pakistanischen Armee über die Grenze.

Zum damaligen Zeitpunkt waren Indien und Pakistan schon Atommächte, was weltweit große Besorgnis auslöste. Heute verfügen beide Länder zusammengenommen über 300 Atomsprengköpfe, die jeweils die Stärke der Hiroshima-Bombe besitzen. Da die pakistanische Nukleardoktrin weiterhin auch einen möglichen Erstschlag beinhaltet, gilt der Konflikt als besonders gefährlich. Ein Atomkrieg zwischen diesen beiden asiatischen Mächten könnte fürchterliche Folgen haben.

Vor fünf Jahren sorgte eine Studie der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) für Aufsehen, die mit den Mitteln der Klimaforschung die Auswirkungen eines begrenzten Atomkriegs zwischen Indien und Pakistan bei einem unterstellten Einsatz von 100 Atomwaffen der Hiroshima-Größenordnung untersuchte. Der Ruß, der allein bei einem solchen Nuklearkrieg in die Erdatmosphäre aufsteigen würde, hätte einen solchen Niederschlagsrückgang zur Folge, dass bis zu zwei Milliarden Menschen in der Folge Hunger leiden würden. Ein noch größerer Atomkrieg, so die IPPNW, würde die menschliche Zivilisation schnell zum Einsturz bringen. Ein Aufflammen des indisch-pakistanischen Konflikts lässt also apokalyptische Ängste aufflammen – und die Hoffnung, dass auch diesmal wieder alles gutgehen wird.

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